Städteroulette

Steirischer Herbst, Graz, 1996

Projektdaten

Steirischer Herbst, Graz, 1996

Team

ein Projekt von Paul Rajakovics und Bernd Vlay

Reiseleiter:
Dieter Spath (Santiago de Chile)
Orhan Kipcak (Istanbul)
Martin Kramer (Los Angeles)
Andreas Reichl (Saigon)

“beim projekt städteroulette werden 4 reisegruppen unter leitung von versierten architekten assoziativ 3 tage durch 4 metropolen reisen, ohne die stadt graz zu verlassen. so haben sie die möglichkeit, über den flughafen, wo das projekt startet, nach saigon, istanbul, santiago de chile oder los angeles zu reisen. dabei werden mittels interaktion und überlagerung diese städte als handlungsräume neu gebaut. allerdings müssen die abwesenden zeiten als syntax streng eingehalten werden, was innerhalb der stadt für die reisegruppe bedeutet, eine eigene soziale plastik etwa für saigon mit schichtarbeitern, dirnen, besoffenen managern und putztrupps zu formen. 2 detektive x und y werden zwischen den gruppen eine zeitliche und räumliche verbindung mit hilfe eines eigens dafür entwickelten spiels herstellen, um den zeitlichen modus noch zu verstärken.

die existenz der detektive wird sich in ihrer aufgabe erschöpfen. sie besteht darin, die situation eines momentes, deren spuren sie mit hilfe der würfel und des spielbrettes verfolgen, ausfindig zu machen. jenseits dieser aufgabe gibt es keine identität, nicht einmal ein leben; die figuren werden verschwinden und ausgelöscht, wenn das spiel zu ende gespielt ist.” (projektfolder, 1996)

hinter den personen der detektive “versteckten” wir uns selbst, in erster linie um mit der infragestellung des berufes des urbanisten aktiv umzugehen. dieses daraus neu entwickelte verhältnis zwischen urbanisten und architekten produzierte in eigenregie das projekt. es dauerte drei tage und drei nächte, um die teilnehmerInnen der vier gruppen in eine zeitreise der zeitverschiebung durch die genannten städte zu führen. die tatsächlichen auswirkungen - im sinne einer klassischen urbanistischen erwartung auf die stadt graz selbst - blieben gering, da das ziel ein anderes war: über dieses projekt sollte eher ein diskurs eröffnet werden, denn ein irgendwie geäußerter lösungsversuch getätigt werden. der  erfolg von städteroulette zeigte sich schließlich - wie beabsichtigt - über die potentielle erlebbarkeit einer assoziativen ortsverschiebung anstatt über einen allumfassenden planungsansatz.

das projekt setzt dort an, wo lefebvre den „repräsentativen raum“ lokalisiert. städteroulette arbeitet an einem ort mit einzelnen individuen in vier kleinen kollektiven handlungsräumen, die aufgrund der zeitverschiebung und der speziell gewählten orte der stadt graz, die nicht auf den ersten blick als ihr eigen erscheinen, eine psychogeographie erzeugen, die die sichtweise der teilnehmerInnen der stadt graz selbst verändert. die mehrtägigkeit dieser reise hilft mechanismen der distanziertheit abzubauen, und sich so zunehmend auf das projekt einzulassen.

die teilnehmerInnen kamen durch ihre kollektiven jetlags und den “ausnahmezustand” so in einer anderen zeit an als in der der stadt graz existierenden. die zeitliche verbindung zwischen den “gebauten” städten bzw. reisegruppen konnte nur durch ein “spiel”ermöglicht werden, welches sich über einen präzisen zeitpunkt manifestierte, der eine situation von einer zeitzone zur anderen transformiert. der zeitraum zwischen den zeitzonen, also vergleichbar mit jenem, der ohne meßgeräte beispielsweise auf einem kontinentalflug zwischen vielen zeitzonen nur schwer bestimmbar ist, schien in uns detektiven zu kollabieren. wir mußten über das spiel eine situation von einer zeitzone/stadt zur anderen transformieren, und konnten erst durch die abschließende verlosung einer gesponserten flugreise nach istanbul von unserer aufgabe befreit werden.

Text aus:
Paul Rajakovics. Kontextuelles Handeln in Architektur und Städtebau (Dissertation), S.63-64